Dynamik von Phasenoszillatoren
Diplomarbeit (1994).
Institut für Theoretische Physik, Christian-Albrechts-Universität
Kiel.
1 Einleitung und Überblick
Schon seit einiger Zeit beschäftigen sich
Physiker mit Themen, die nach der traditionellen Definition
der Physik als der "Lehre von der unbelebten Natur" nicht
zur Physik gehören.
Besonderes Interesse finden Themen aus der Biologie. Zum Beispiel werden
Modelle des Nervensystems (Neuronale Netze),
der Evolution und von Ökosystemen
untersucht.
Die Erfahrung hat gezeigt, daß
makroskopische Phänomene
die sich aus der
Wechselwirkung von vielen Einzelelementen
(Atome in einem Gas, Spins in einem Ferromagneten,
Neuronen in einem Neuronalen Netz, Individuen in
einem Ökosystem, Genotypen in der Evolution) ergeben,
häufig unabhängig von den mikroskopischen Details sind.
Dies rechtfertigt die starke Abstraktion, die
erforderlich ist,
um analytisch oder numerisch behandelbare
Modelle zu erhalten.
Natürlich können
solche vereinfachte Modelle nicht die
ganze Komplexität des Originalsystems widerspiegeln.
Aber gerade dadurch kann man hoffen, zum Wesentlichen
eines Phänomens vorzudringen, es zu verstehen .
Bei diesen Modellen werden
oft Einflüsse der Umwelt sowie
Charakteristika der Einzelelemente und ihrer Wechselwirkungen
durch zeitliche und räumliche Zufallsvariablen
modelliert.
Auf diese Weise gelangt man zu ungeordneten Systemen,
für deren Behandlung u.a.~in der Theorie der Gläser,
insbesondere der Spingläser,
Methoden entwickelt wurden.
Oszillationen sind in der Natur, aber auch in technischen Systemen
allgegenwärtig.
Da in biologischen und technischen Strukturen
immer Dissipation vorhanden ist,
können stabile Oszillationen nur durch aktive Systeme
erzeugt werden.
Diese weisen einen Grenzzyklus als Attraktor auf, so daß
die Phasenbeschreibung auf sie anwendbar ist.
In dieser Arbeit wird nicht der Mechanismus, der die Oszillationen
erzeugt, sondern die Wechselwirkung
zwischen solchen oszillierenden Systemen untersucht.
Dieses Thema hat in letzter Zeit
große Aufmerksamkeit erfahren.
Es wurden Synchronisation und Desynchronisation in
Populationen von Glühwürmchen,
von zirpenden Grillen, Schrittmacherzellen des Herzens,
pulsierenden Lasern untersucht.
Besondere Beachtung fanden Oszillationen im Nervensystem,
insbesondere im Gehirn,
die unter anderem periodische Vorgänge wie Laufen, Atmen und Kauen steuern.
In letzter Zeit kam die Vermutung auf,
daß Synchronisation eine weitere sehr wichtige Rolle spielt.
In neueren Forschungsarbeiten wurden Hinweise gefunden, daß das Gehirn
je nach Situation einfache Merkmale zu einer
Gesamtrepräsentation verbindet.
Es werden jedoch gleichzeitig Sinnesreize von
verschiedenen Objekten aufgenommen.
Auf irgendeine Weise müssen zusammengehörige Reize
gebunden und nicht zusammengehörige getrennt werden. Dies
wird als "`Binding-Problem"' bezeichnet.
Es besteht die Vermutung, daß diese Verknüpfung durch
Synchronisations- und
Desynchronisationsprozesse von Gruppen von Neuronen geschieht.
Besonders bei biologischen Systemen kommt es darauf an,
stabile Oszillationen zu erzeugen, da die einzelnen
Oszillatoren häufig unzuverlässig sind.
Dies ist z.B. beim Herzschlag lebensnotwendig.
Der Weg, den die Natur gewählt hat (und vielleicht der einzig mögliche),
ist die Kopplung von vielen dieser Einzeloszillatoren.
In biologischen Systemen ist jedoch die Schwankungsbreite stets relativ groß.
Deshalb stellt sich die Frage,
wie stark und von welcher Art die Kopplungen unter den Einzeloszillatoren
sein müssen.
Diese Frage wurde erstmals 1960 von Winfree behandelt.
Im Jahre 1984 entwickelte Kuramoto
mit Hilfe der Phasenbeschreibung ein einfaches
Modell, das analytisch lösbar ist. Es zeigt in Abhängigkeit
von der Wechselwirkungsstärke einen Phasenübergang
von einem desynchronisierten in einen teilweise
synchronisierten Zustand.
Dieses Modell wird in Kapitel 10
erörtert.
Den Schwerpunkt dieser Arbeit bildet ein Modell,
daß sich in der Art der Wechselwirkung vom Kuramoto-Modell
unterscheidet.
Die Bewegungsgleichung für die Phasenvariablen
lauten:
Die Wechselwirkungsstärken
und die Frequenzen
sollen Zufallsvariablen sein.
In dieser Arbeit werden insbesondere gaußverteilte
mit variabler Symmetrie betrachtet.
Beide Modelle haben große formale "Ahnlichkeit
mit schon zuvor in der Physik behandelten Modellen.
Das Kuramoto-Modell geht beim Verschwinden der
Frequenzen der Einzeloszillatoren, das heißt, wenn alle Oszillatoren exakt
gleich sind,
in einen XY-Ferromagneten über, während das hier behandelte Modell
in ein XY-Spinglas übergeht.
Die Arbeit ist folgendermaßen aufgebaut:
In Kapitel 1 wird die Phasenbeschreibung,
auf der beide Modelle basieren, eingeführt und
das in dieser Arbeit behandelte System (1.1) motiviert.
Die Berücksichtigung von Zufallskräften
führt zu Langevin-Gleichungen.
Diese werden in Kapitel 2 dargestellt und
einige Probleme im Zusammenhang mit diesen mathematisch
nicht wohldefinierten Gleichungen erläutert.
Auf den Langevin-Gleichungen basiert die
Methode des erzeugenen Funktionals, die in Kapitel
3 ausführlich vorgestellt wird.
Mit dieser Methode können Spingläser und andere ungeordnete Systeme
untersucht werden.
Einige für das hier untersuchte Modell
relevante Konzepte und Methoden der Spinglasphysik
werden in Kapitel 5 vorgestellt.
In Kapitel 6 werden Konzepte der
nichtlinearen Dynamik, die
Ljapunowexponenten und die Kaplan-Yorke-Dimension, eingeführt.
Zunächst wird die Dynamik von wenigen
Oszillatoren (Kapitel 8 und Kapitel 9)
analytisch und numerisch untersucht.
Im Kapitel 10 und 11
wird die Methode des erzeugenen Funktionals
auf das Kuramoto-Modell und auf (1) angewandt.
Die Einteilchengleichung wird numerisch gelöst.
Für den Fall symmetrischer Wechselwirkungen ist es jedoch günstiger,
das ursprüngliche
Vielteilchensystem zu untersuchen.
Es zeigt
wie das Kuramoto-Modell einen Phasenübergang mit der
Wechselwirkungsstärke als Kontrollparameter (Kapitel 12),
jedoch geht es bei wachsender Wechselwirkungsstärke
sprunghaft
von einem unsynchronisierten in einen vollständig synchronisierten
Zustand mit Spinglasordnung über.
Dies unterscheidet sich völlig von dem Verhalten des Kuramoto-Modells,
wo ein kontinuierlicher Phasenübergang stattfindet.
Abschließend wird in Abschnitt 13
die Dynamik des Systems in Abhängigkeit von
Symmetrieparameter und Wechselwirkungsstärke
dargestellt.
Die ganze Arbeit liegt in 4 Postscript-Files vor:
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Teil 1 (64 Seiten Postscript, 0.9 MB)
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Teil 2 (18 Seiten Postscript, 0.4 MB)
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Teil 3 (14 Seiten Postscript, 0.3 MB)
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Teil 4 (46 Seiten Postscript, 0.7 MB)
Jan Christopher Stiller (stiller@theo-physik.uni-kiel.de)